Vorwärts DDR 56

Die Szenekneipe „La Leander" lädt zu einer Zeitreise in die DDR ein 




VOLKER OELSCHLÄGER 

Wenn es die DDR noch gäbe, würde er vielleicht als Stasi-Spitzel die Ost-Berliner Homosexuellen-Szene ausforschen. Oder man hätte ihn in Bonn als Romeo auf einen Politiker angesetzt. Glaubt Jirka Witschak, der Wirt der Szenekneipe „La Leander" in der Benkert- / Ecke Kurfürstenstraße. Bis ins Wachregiment „Felix Dzierzynski" hatte er es geschafft, bevor die Mauer fiel: „Für mich war die Jugend in der DDR wirklich nicht die beste Zeit meines Lebens." 
Dass er in die Opposition oder als Flüchtling in den Westen gegangen wäre, glaubt er nicht. 
Witschak ist heute 35 Jahre alt, viele Gäste seiner Wirtschaft sind erheblich jünger. Deren Eltern sind meist in der DDR groß geworden, sie selbst aber haben das eher nicht mehr unmittelbar erlebt. Und so diskutiert man, wie das war, und bleibt immer wieder bei Formeln hängen wie: „Demokratie war nicht, aber Brötchen haben nur fünf Pfennig gekostet." Seit eineinhalb Jahren, erzählt Witschak, wälzen sie in der Kneipe Ideen für eine Ausstellung, die DDR- Alltag erfahrbar machen soll. Am 1. Oktober wird die Schau „Vorwärts DDR 56" eröffnet, deren Titel auf den 56. Jahrestag der DDR-Gründung am 7. Oktober verweist. Das Projekt besteht aus drei Teilen, deren erster mit einer Wandzeitung von sechs Quadratmetern Fläche der konventionellste ist. 
Obwohl diese „Planerfüllungsartikel", wie Witschak sie nennt, mit zunehmender zeitlicher Distanz nicht nur an Unterhaltungswert gewinnen. Mit Schlagzeilen wie „Unser Ziel ist eine neue Stufe der Intensivierung" oder „Sofortentscheid und Dauerdrusch: Ernte 85 - LPG Nächst Neuendorf und Trebin im Leistungsvergleich". Einen ganzen Jahrgang der Märkischen Volksstimme von 1986 hätten sie sich in der Bibliothek am Mikrofichgerät angesehen. Irgendwann, beobachtete er, „denkt man nicht mehr mit dabei. Irgendwann glaubt man einfach, dass der Plan erfüllt ist". Das ist das andere: die Erfahrung, wie Gehirnwäsche funktioniert. Irgendwann kapituliert man einfach. Nach der Wandzeitung kommt im zweiten Teil ein Experiment. Gezeigt werden um die 20 Porträtfotografien von Leuten zwischen 17 und 25 Jahren, aufgenommen vor Mauerwerk mit Jirka Witschak morschem Putz, allesamt im Blauhemd der FDJ. Alle sind Gäste im „La Leander", und in jeder Aufnahme schwingt die Frage mit: Was wäre, wenn - die DDR noch existieren würde? Die Jugendkultur wurde immer vielschichtiger in den 80ern. Plötzlich gab es Punks, Grufties, Madonna- und Depeche-Mode-Fans. Eigentlich, meint Witschak, konnte man damals zusehen, wie dem Staat die Jugend auseinander lief. Das Blauhemd trugen sie nur, wenn sie mussten. Beim Fotografieren stellten sie den Abgebildeten Fragen: Hätten sie Dich beim Fahnenappell eher gelobt oder getadelt? Die meisten tippten für sich spontan auf Tadel. Aber das „wage ich bei der Mehrheit zu bezweifeln", sagt der Wirt. Er denkt, dass der Mensch wohl immer zunächst bemüht ist, sein bestes zu geben. Die zweite Frage, was wäre aus dir geworden?, habe vor allem solche Antworten gebracht: Verkäuferin, Bäckerin, Schlosser. Was für ein Unterschied zur Gegenwart, in der dieselben Befragten „alle irgend welche Pläne für die Zukunft haben". Nur einer von ihnen denkt, dass er damals als Model in den Westen gegangen wäre. Weil er sich modeln im Osten nicht vorstellen kann. Als dritter Teil der Ausstellung ist eine „Straße der Besten" angekündigt, genaueres wollte der Wirt aber noch nicht verraten. 

Quelle: MAZ 02.09.2005