Vorwärts DDR 56

Eine Hypothetische Ausstellung aufgeschrieben von Jirka T. Witschak


16 Jahre ist es nun her, dass das kleine Pittiplatsch- Märchenwunderland, namens DDR, innerhalb weniger Wochen und Monate mit großem Karacho unterging. In den heutigen Zeiten voller sozialer Ungewissheit, unbezahlter Rechnungen, Finanzämtern die mehr wollen als man eigentlich hat, muss einem die DDR als ein Paradies erscheinen! Alle hatten Arbeit, alle billig zu essen, alle ein Dach über dem Kopf und die meisten hatten eine Datsche! Vielleicht ist es diese Sorglosigkeit, die allumfassende Wärme erzeugte, die die DDR als einen zumindest nicht ganz so schlechten Staat erscheinen lässt.

Und vielleicht war die Wende ja nur ein Unfall der Geschichte? Oder ein Komplott der imperialistischen BRD, wie es so manch alter Genosse vermutet? Wenn die Wende, die Ereignisse in Leipzig und Ost- Berlin nicht stattgefunden hätten, dann stellt sich, die zugegeben hypothetische Frage: Was wäre wenn die DDR am 7. Oktober 2005 den 56. Jahrestag ihrer Gründung feiern würde?

Immerhin würde die SED – Vorhut der Arbeiterklasse – mit dem üblichen propagandistischen Getöse auf ihren 15. Parteitag zusteuern. Natürlich würden all die sozialistischen Kombinate ihre Produktion atemberaubend übererfüllen! Das Volk würde bei Militärparaden Spalier bilden oder an Tribünen mit der Partei- und Staatsführung vorbeimarschieren, um so die Verbundenheit des Werktätigen Volkes der DDR mit der Partei der Arbeiterklasse zu demonstrieren. In Schulen würden Fahnenapelle stattfinden, die unzähligen Brigaden der Volkseigenen Betriebe und Kombinate würden Kegelabende veranstalten um auf das Wohl des Sozialismus trinken zu können. Einen Anlass gab es ja immer, warum also nicht der Jahrestag der DDR oder der Tag des Metallarbeiters oder der Tag des Lehrers!
Angelika Unterlauf, die angesagte Sprecherin der aktuellen Kamera, würde nicht mit Erich Böhme von SAT 1 eine Liaison eingegangen sein. Sie würde sicherlich noch immer mit der unnachahmlichen „Angelika Unterlauf- Lächel Miene“ Nachrichten verkünden. Es sei denn, sie wäre rüber gemacht.

Natürlich muss man sich dann auch mit der Frage beschäftigen was aus uns, jedem einzelnen geworden wäre! Ich zum Beispiel wäre immer noch bei der Firma Horch und Guck. Geschafft hatte ich es in der realen 89iger Realität immerhin bis zum Stasi- Wachregiment „Felix Dzerzjinski“. Wenn es die DDR jetzt im Jahre 2005 geben würde, hätte auf mich ein Spezialeinsatzgebiet gewartet! Die Genossen hätten bestimmt meine Sachkenntnis auf dem Gebiet der Homosexualität zu schätzen gewusst. Das hatten die auf jeden Fall mitbekommen! Mit meinem Lover beim Wachregiment knutschte ich mich ja noch im September 89 bei meinem ersten und letzten Ausgang vor der Wende im Palast der Republik auf einer mondänen Ledercouch herum. Das wird ja den Kameras nicht entgangen sein. Fragt sich nur wie mein Einsatzgebiet ausgesehen hätte: In der Homosexuellenszene in Ost- Berlin oder vielleicht doch als Romeo für ein wichtiges Regierungsmitglied der Bonner Republik? Damals war ich ja noch jung und knackig!

Dies ist die grundlegende Frage der wir in dieser Ausstellung hypothetisch nachgehen. Menschen von Heute, die in ihrem Umfeld vieles bewegen oder sich ihren Ängsten oder Lüsten hingeben: Was hätten die eigentlich gemacht, wenn die DDR weiterexistiert hätte. Dabei gehen wir nicht nur von unseren ostdeutschen Landsleuten aus. Sondern wir stellen diese Frage auch für unsere westdeutschen Mitbrüdern- und Schwestern!

Als Ausgangspunkt dieser Reise nehmen wir den real existierenden Sozialismus. Im hinteren Teil des La LEANDER befindet sich eine originale Wandzeitung. Wir gehen davon aus das sich die Propaganda weiterhin Ernteeinsätzen, der Leipziger Messe und Fragen der sozialistischen Ausgestaltung unseres Landes hingebungsvoll gewidmet hätte!
Hierzu haben wir Original- Artikel aus der Jungen Welt und der Märkischen Volksstimme verwendet.
Gefunden haben wir herrlich skurril anmutende Artikel aus der Monatszeitschrift „Das Magazin“. Diese Zeitschrift hatte wohl die Aufgabe den „gelernten DDR- Bürger“ über den Tellerrand schauen zu lassen. Ein schönes Beispiel journalistischer Raffinesse ist hier der Artikel über Rom und dessen Modeindustrie.
Der zweite Teil dieser Ausstellung beschäftigt sich mit der Frage, wie denn die heutige Jugend sich angepasst, eingepasst oder verweigert hätte?

Ganz sicher ist: das auch sie zur RTL2- Generation mutiert wäre! Mitte der 80iger Jahre verlegte man in den Neubaugebieten Fernsehkabel. Ausschließlich zu dem Zweck eingerichtet Westfernsehen zu empfangen! Die SED wollte verhindern, dass sich jeder Bürger, der nicht fest zu seiner sozialistischen DDR stand eine Satellitenschüssel auf dem heimischen Balkon installiert. Wie hätte das nur ausgesehen: ganze Neubaugebiete mit Satellitenschüsseln zumontiert! Jede Satellitenschüssel ein Hort des Widerstandes!
Und natürlich hätte sich die Jugend damals wie heute an Westdeutschland orientiert! Zu meiner Zeit sah man auf den Stickern: Madonna, The Cure, Depeche Mode und Gorbatschow. Zufälligerweise sind Sticker gerade wieder in! Heute wären sie sicherlich mit Britney Spears, Marilyn Manson und Fettes Brot verziert! Eine Menge junger modebewusster DDR- Menschen hätte sicherlich den Traum, TOP- Model zu werden. Und dabei ohne viel Anstrengung viel Geld zu verdienen. Westmark natürlich! Und im Westen selbstverständlich. Viele würden auch eine Popstarkarriere anstreben wollen. Ich frage mich ehrlich wie die FDJ auf diese Bedürfnisse reagiert hätte. Würde die Jugendfernsehsendung 1199 eine Sonderserie im DDR- Fernsehen senden: „DDR sucht den Superstar“?

Als wir diese Ausstellung entwickelten hatten wir gerade den HARTZ 4 – Sommer. Im TV sah Deutschland protestierende grimmig dreinschauende Ostdeutsche die ihrem Unmut über den „stinkenden, parasitären und faulenden Kapitalismus“ Luft machten. Junge Menschen diskutierten tatsächlich über die Frage: Welches Gesellschaftssystem, denn nun das bessere sei? Oftmals kommt eben jene Generation von jungen Ostdeutschen, die in der DDR geboren sie aber nicht mehr wirklich erlebt hat, zu dem Schluss: „Demokratie war zwar nicht, aber Brötchen haben nur fünf Pfennig gekostet und die Miete war auch billig!“ Als wir die Ausstellungsvobereitungen fast beendet hatten befand sich Deutschland im Wahlkampf. Es ging um die Frage: „Er oder Sie?“ Um den dahindümpelnden Wahlkampf flott zumachen wurden gewisse ideologische Einheizer bemüht, die von frustrierten Ostdeutschen sprachen. Von potenziellen, ostdeutsch proletarisierten Kindermördern war sogar die Rede! Der Ost- West- Konflikt feierte plötzlich fröhliche Urständ! Was lag also näher als über die Frage nachzudenken, wie es denn denen in der DDR ergangen wäre, die sich heute gezielt in die Ost- West- Befindlichkeitsdebatte einmischen, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Das Ergebnis aus diesen Überlegungen ist der dritte Teil der Ausstellung die „Strasse der Besten!“ Das Ergebnis ist natürlich rein hypothetisch. Aber vielleicht auch ein Anlass über Anpassung, Ideologie und Macht zu diskutieren. Egal auf welcher Seite des Lebens man steht.

05.10.2005